Aus Lehrstellenmangel wird Lehrlingsmangel 

Vor noch gar nicht allzu langer Zeit gab es in Deutschland deutlich mehr Jugendliche, die einen Ausbildungsplatz suchten, als vorhandene Plätze. Als Folge wurde u. a. der  „Pakt für Ausbildung“ zwischen Politik und Wirtschaft geschlossen, der sehr erfolgreich Jugendlichen Ausbildungsplätze zur Verfügung stellte. Der Pakt existiert noch - nun als “Pakt für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs” - hat aber inzwischen seinen Schwerpunkt verlagert. Heute sind nicht mehr die Jugendlichen diejenigen, die suchen, sondern die Unternehmen. Die Zahl der angebotenen Lehrstellen übersteigt die Zahl der Bewerber. Die Gründe hierfür sind vielfältig; zum einen gibt es immer weniger Jugendliche, zum anderen steigt der Prozentsatz derer, die ein Studium einer Ausbildung vorziehen und dann steigt auch noch der Prozentsatz der Jugendlichen, die aus verschiedenen Gründen „nicht ausbildungsfähig“ sind, weil grundlegende Kenntnisse, z. B. in Mathematik oder Deutsch, fehlen oder sog. Sekundärtugenden, wie Pünktlichkeit, Disziplin, Zuverlässigkeit, nicht oder kaum vorhanden sind.

Für uns Händler bedeutet dies, dass wir vor massiven Problemen stehen, wenn wir dringend benötigte Fachkräfte ausbilden wollen. Die Gesamtzahl der potentiellen Auszubildenden sinkt und somit auch die Zahl derer, die durch ihre schulische Ausbildung primäre Zielgruppe für eine Ausbildung sind. Wir müssen umdenken - einerseits stehen wir auf dem Prüfstand von leistungsbereiten, schulisch gut ausgebildeten Jugendlichen, die hohe Erwartungen an eine Ausbildung und den Ausbildungsbetrieb stellen. Diesen müssen wir Perspektiven und Karrierewege aufzeigen. Und andererseits bewerben sich Jugendliche mit unzureichenden Leistungen bei uns. Um diese in die Arbeitswelt zu integrieren, gibt es zahlreiche staatliche Hilfen; wir müssen sie nur nutzen. Beide Gruppen dürfen nicht vernachlässigt werden, da es sich eine Gesellschaft einerseits nicht leisten kann und darf, Schwächere dauerhaft auszugrenzen und andererseits eine Gesellschaft nicht nur aus Akademikern bestehen kann.

    Martin Meesenburg

    ZHH-Präsidiumsmitglied